Der Zug
Eine Begegnung zwischen zwei Halten
Der Zug stand schon da, aber er tat so, als wäre er noch unterwegs.
Die Türen waren offen, das Licht an, und trotzdem hatte alles diesen vorläufigen Charakter, den Dinge haben, die gleich wieder verschwinden.
Er setzte sich in einen Vierer, mehr aus Gewohnheit als aus Überlegung. Fensterplatz, Fahrtrichtung egal. Die Jacke blieb an, obwohl es warm war. Als sie einstieg, war der Wagen fast leer. Sie zögerte kurz, sah sich um, entschied sich dann für den Platz ihm gegenüber. Kein Lächeln, kein Gruß, nur dieses kurze Einverständnis, dass man sich für eine Weile denselben Raum teilen würde.
Der Zug setzte sich ruckelnd in Bewegung. Außen zog ein Industriegebiet vorbei, flach, grau, vertraut. Innen klapperten Gläser im Bordbistro, irgendwo lachte jemand zu laut.
Sie sah aus dem Fenster. Er tat es ihr gleich, obwohl er nichts sehen wollte.
Nach ein paar Minuten stand sie auf.
„Ich hol mir einen Kaffee“, sagte sie, mehr in den Raum als zu ihm.
Er nickte, ohne sie anzusehen. Als sie zurückkam, hielt sie zwei Becher in der Hand.
„Ich habe zwei genommen“, sagte sie und stellte einen vor ihm ab.
„Danke“, sagte er. Mehr fiel ihm nicht ein, aber es reichte.
Der Kaffee war zu heiß und zu bitter. Genau richtig für diese Uhrzeit.
„Verspätung“, sagte sie und deutete auf die Anzeige über der Tür.
„Natürlich“, sagte er.
Sie lächelte. Nicht wegen ihm, sondern wegen der Vorhersehbarkeit der Dinge.
Sie sprachen über den Zug. Über Strecken, die man öfter fährt, als man sollte. Über Bahnhöfe, die alle gleich aussehen und trotzdem nie austauschbar sind.
Er erzählte von einem Ort, an dem er nie ausstieg, obwohl er den Namen mochte.
Sie erzählte von einem Bahnhof, an dem sie einmal zu lange gewartet hatte.
„Und du?“, fragte sie irgendwann. Das ‚du‘ wurde so selbstverständlich verwendet, als gäbe es keine Alternative dafür. Gab es auch nicht, in diesem Gespräch.
„Was?“
„Warum fährst du?“
Er dachte kurz nach. „Weil ich muss“, sagte er dann.
Sie nickte, als wäre das eine vollkommen ausreichende Antwort.
Es war leicht, mit ihr zu reden. Vielleicht, weil nichts davon bleiben musste.
Er merkte, dass er Dinge sagte, die er sonst für sich behielt. Keine großen Geständnisse, eher kleine Verschiebungen. Dass er müde war, ohne krank zu sein. Dass er manchmal das Gefühl hatte, zu früh angekommen zu sein oder zu spät.
Sie hörte zu, ohne nachzufragen. Das war das Angenehme daran.
Sie erzählte von einem Job, den sie mochte, obwohl er nicht zu ihr passte. Von einer Wohnung, die zu groß war für das Leben, das sie darin führte.
Keine Namen, keine Orte. Alles blieb absichtlich unscharf, als würde man eine Geschichte erzählen, die nicht überprüft werden durfte.
Der Zug hielt zwischen zwei Bahnhöfen an.
„Technisches Gebrechen“, sagte eine Stimme aus dem Lautsprecher, die selbst nicht daran glaubte.
Sie seufzte, er lachte leise.
„Manchmal denke ich“, sagte sie, „dass solche Pausen genau das sind, was fehlt. Dass alles sonst immer nur durchrauscht.“
Er nickte. „Man merkt erst, dass man unterwegs ist, wenn man stehen bleibt.“
Sie sah ihn an, länger als nötig. Kein prüfender Blick, eher ein Festhalten.
Er fragte sich, wie alt sie war. Dann ließ er es wieder.
Als der Zug weiterfuhr, war etwas anders. Nicht größer, nicht wichtiger. Nur verschoben.
Sie saßen jetzt beide ein wenig aufrechter, als hätten sie beschlossen, die restliche Strecke bewusst mitzunehmen.
„Wo steigst du aus?“, fragte sie.
Er nannte den Ort.
Sie lächelte. „Ich auch.“
Der Bahnhof kam schneller, als erwartet.
Sie packte ihre Tasche, er zog die Jacke enger. Draußen regnete es leicht, dieser feine Regen, der nichts verspricht und trotzdem bleibt.
Als der Zug hielt, standen sie gleichzeitig auf.
Auf dem Bahnsteig gingen sie ein paar Schritte nebeneinander, ohne Eile. Menschen schoben sich vorbei, Rollkoffer klackerten, irgendwo piepste eine Tür.
„Das war schön“, sagte sie.
„Ja“, sagte er.
Es klang nicht wie ein Abschied, eher wie eine Feststellung.
Sie blieben stehen.
Keine Namen, kein Umarmen, kein Austausch von Nummern. Nicht einmal die unausgesprochene Frage danach.
Sie sahen sich an, einen Moment zu lang für Höflichkeit, zu kurz für alles andere.
„Pass auf dich auf“, sagte sie.
„Du auch“, sagte er.
Dann ging sie nach links, er nach rechts.
Der Zug fuhr weiter. Wie immer.
Er ging langsamer als nötig. Nicht aus Traurigkeit, eher um sicherzugehen, dass nichts fehlte.
Es fehlte nichts.


Ein schöner, fast beiläufiger Text mit Schönem zwischen den Zeilen