Der Schneemann
Wie wollen wir leben?
Er hatte Handschuhe an, obwohl es nicht besonders kalt war.
Der Schnee war nass, schwer, klebrig. Kein perfekter Schnee für einen Schneemann. Aber ausreichend.
Er rollte die Kugeln trotzdem.
Nicht aus einem bestimmten Grund. Eher, weil er gerade nichts anderes zu tun hatte.
Als der Schneemann stand, schief und mit zu kurzen Armen, trat er einen Schritt zurück.
Er überlegte kurz, ob er ihm noch ein Gesicht geben sollte, ließ es dann aber bleiben.
„Danke“, sagte der Schneemann.
Nicht laut.
Eher so, als hätte er es schon gesagt, bevor der Mann es hörte.
Der Mann blinzelte.
Er sah sich um. Niemand da. Nur der Spielplatz, die Bank, der Mülleimer mit dem überquellenden Schnee.
„Wofür?“, fragte er schließlich.
„Dass du nicht aufgehört hast, als es mühsam wurde“, sagte der Schneemann.
„Die meisten tun das.“
Der Mann zog die Handschuhe aus. Seine Finger waren rot.
„Du schmilzt sowieso“, sagte er.
Es klang nicht hart. Nur sachlich.
Der Schneemann nickte, so gut Schneemänner eben nicken können.
„Ich weiß.“
Sie schwiegen einen Moment.
„Ihr Menschen“, sagte der Schneemann dann,
„ihr tut oft so, als wäre etwas nur dann sinnvoll, wenn es bleibt.“
Der Mann setzte sich auf die Bank.
„Man will halt, dass sich Dinge lohnen.“
„Lohnen für wen?“, fragte der Schneemann.
Der Mann antwortete nicht sofort.
Er dachte an Projekte, die sauber beendet worden waren.
An Gespräche, die man aus Zeitgründen abgebrochen hatte.
An Dinge, die effizient gewesen waren, aber leer.
„Wie wollt ihr eigentlich leben?“, fragte der Schneemann.
Nicht neugierig. Eher ernsthaft interessiert.
Der Mann zuckte mit den Schultern.
„Bequem“, sagte er nach einer Weile.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Nein. Wahrscheinlich nicht. Ich glaube, das ist ja das Problem. Wir wissen es nicht.“
Der Schnee begann bereits zu tropfen. Erst kaum sichtbar, dann deutlicher.
„Ich muss nicht lange da sein“, sagte der Schneemann.
„Aber ich war da. Und das reicht mir.“
Als der Mann am nächsten Morgen wieder vorbeikam, war nichts mehr übrig.
Nur ein dunkler Fleck im Schnee, der schneller verschwand als die anderen.
Er blieb kurz stehen.
Dann ging er weiter.
Und auf dem Heimweg trat er bewusst einen Schritt aus der Spur,
die alle anderen genommen hatten.
Nicht, weil es etwas änderte.
Sondern weil es sich richtig anfühlte.

